adventus strepitae
Am ersten Abend der Veranstaltungs-Triologie „adventus“ im Rahmen von Creau Advent fokusierte sich die Performance auf akustische & phonetische Einzel- und Gruppenbehandlungen. Die „circuit bending“ Sound Objekte von Natascha Muhič mischen sich mit Gesängen und dem Klang der E-Geige der Musikerin Carmen Rosenkranz. Begleitet durch geheime Ingredienzien und Räucherungen erlebten Besucher_innen der Sound Pharmacy an diesem Abend einen GeräuscheRausch der als Präparat ihr Immunsystem auf den Winter vorbereitete.

Sound Pharmazeut_innen: Carmen Rosenkranz, Christian Huber, Tabea Edu, Johanna Prechtl, Lisa Heider, Anna Reiterer

adventus materia

Am zweiten Abend der Veranstaltungs-Triologie „adventus“ im Rahmen von CREAU Advent fokusierte sich die Performance auf Beschwörungen von “Pflanzenkräften” und “Verbalmagie”. In rituellen Behandlungsformen kamen selbstgemachte Tinkturen, Pillen und Räucherbündel zum Einsatz. Musikalisch begleitet wurde die Performance von Collective Myth (IllRakete & Nego Yokte)

Sound Pharmazeut_innen: Julia Defrancesco, Paula Pankarter, Anja Kundrat, Sophia Zedlacher, Michael Kollbauer, Kristin Butz, Gabriela Kielhorn, Eva Wolfsberger

adventus reliquiae

Am dritten Abend der Veranstaltungs-Triologie „adventus“ im Rahmen von Creau Advent fokussierte sich die Performance auf “magische Reliquien” und “Zeremonien-Masken”. In rituellen Behandlungsformen entfalten sich die Wirkungen der Reliquien und durch die Masken traten die Performer_innen – an Séancen erinnernd – in tranceartige Zustände. Musikalisch begleitet wurde die Performance von der Formation: „IBrama“ (Lucas, Marija, Roy)

Sound Pharmazeut_innen: Vjara Jovkova, Elena Sofia Ferrari, Conny Brizsak,

Anna Rumpler, Ksenia Disterhof, Lydia Sprinzl

 


 

Crossing Boundaries: Zu rituellen Aspekten der Sound Pharmacy

SYN: Carmen Rosenkranz

„Die Sound Pharmacy ist ein Gemisch, eine Fusion. Als performative Rauminstallation, die Anleihen sowohl an historischen Apothekeneinrichtungen und Laborgeräten als auch an Tempeln, Altären und Hexenküchen nimmt, vereint sie Musik, Gesang und Performance mit Praktiken des Rituals, Zaubersprüchen und Tanz. Ingredienzien von Alchemie und Zauberkunst verbinden sich mit Elementen der modernen Wissenschaft zu einem flüchtigen Stoff, der sich der Ordnung von Rationalität und Fortschritt entzieht.“(1) 

So beschreibt das Künstlerkollektiv SelfSightSeeing Company ihre künstlerische Arbeit Sound Pharmacy in einigen Worten.Derzeit auf dem Zwischennutzungsgelände Creau in Wien in ehemaligen Stallungen aufgebaut, bietet die Sound Pharmacy Besucher*innen zu bestimmten Terminen die Möglichkeit immersiv am Geschehen teilzunehmen. Im Zuge meines Essays möchte ich der Frage dem rituellen Charakter und dessen Wirkung der Sound Pharmacy, der durch diese Grenzüberschreitung entsteht, anhand des Raumaufbaus nachgehen.

Die performative Rauminstallation erinnert durch ihre drei verschiedenen Räume an den dreiteiligen Aufbau von Übergangsriten nach Arnold van Gennep. Folgende drei Phasen werden innerhalb eines Rituals gemäß Van Gennep nacheinander über- schritten: Ablösungsphase, Schwellenphase und Orientierungsphase.(2) Diese Phasen werden auch von Besucher*innen der Sound Pharmacy durchschritten. Sie betreten zunächst einen weiß gestrichenen Raum, den ersten Raum der Sound Pharmacy. Der Raum wirkt offen. Gemälde an den Wänden und Stehtische an der Seite erscheinen wie eine Einladung länger zu verweilen und das Geschehen mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Durch das Betreten dieses Raumes verlassen Besucher*innen ihr Alltagsleben. Er/sie löst sich vom Gewohnten im Sinne Van Genneps ab und übertritt eine Grenze „um von einem Territorium in das andere zu gelangen.“(3)

Verlässt der/die Besucher*in den ersten Raum gelangt er/sie in die Apotheke selbst. Eine dunkle Atmosphäre mit Geräuschen und Klängen umgibt jene, die sich entscheiden diesen Raum zu betreten. An den Wänden stehen in dunkelbraunen, staubigen Holzregalen Gegenstände verschiedenster Art: Gläser, Masken, Musikinstrumente, Bücher und so weiter. Ein Mikrofilmlesegerät ermöglicht Betrachtungen, die für das normale Auge ohne Hilfsmittel nicht möglich sind. In diesem zweiten Raum der Sound Pharmacy lädt die Vielfalt der Gegenstände zum näheren Betrachten und einer Reflexion der Bedeutungen der Gegenstände ein. Auch die Performer*innen lassen sich in diesem Raum häufig aus der Nähe betrachten. Als zweiter Raum der performativen Installation befindet sich der Raum in der Mitte des Prozesses, der beim Besuch der Sound Pharmacy stattfindet.

„Jeder, der sich von der einen Sphäre in die andere begibt, befindet sich eine Zeitlang sowohl räumlich als auch magisch-religiös in einer besonderen Situation: er schwebt zwischen zwei Welten. Diese Situation bezeichne ich als Schwellenphase, […] die den Übergang von einer magisch-religiösen oder sozialen Situation zur anderen begleiten.“(4)

Dieser zweite Raum der Sound Pharmacy fungiert als Zwischenraum. Eine weitere Separation der Besucher*innen findet statt. Der Alltag rückt weiter in den Hintergrund, ehe sich der/die Besucher*in vollständig von ihm im dritten Raum der Installation löst. Ein Tor, bestehend aus einem Holzrahmen am anderen Ende des Raumes, führt zum dritten Raum der Installation, dem sogenannten Behandlungsraum. Die Schwelle zu diesem letzten Schritt ist durch den/die Besucher*in zu überschreiten. Das äußere Erscheinungsbild grenzt diesen Raum vom Rest der Installation ab. Auch ist diesem Kontext zeigt sich der rituelle Charakter der Sound Pharmacy. Dem Tor fällt dabei eine besondere Bedeutung zu:

„Das Tor, das das Verbot des Eintritts symbolisiert, wird zum Tor in der Wall- mauer, zum Tor in der Umgrenzung eines Stadtteils, zur Tür eines Hauses. Doch hat nicht allein die Bodenschwelle sakralen Charakter, auch die Ober- schwelle und der Tragbalken sind heilig. […] Im Falle eines Wohnhauses ist die Tür die Grenze zwischen der fremden und der häuslichen Welt, im Falle eines Tempels ist sie die Grenze zwischen profaner und sakraler Welt.“(5)

Im Fall der Sound Pharmacy stellt das Tor die Grenze zwischen individueller und kollektiver Behandlung dar. Ein schwarzer Raum mit Lichtinstallation und Nebel umgibt nach dem Überschreiten der Schwelle den/die Besucher*in. In der Mitte des Raums, gegenüber dem Tor steht ein Sessel für die Einzelbehandlung, über dem ein Gong angebracht ist. Nach dem Platz nehmen auf demselben folgt die eigentliche Einzelbehandlung durch die Performer*innen, die je nach Performer*in unterschiedlich gestaltet wird. Mögliche Elemente können dabei das Aufsetzen einer Maske, welches zu einer weiteren Abgrenzung des/der Behandelten führt, oder auch der Konsum eines alkoholischen Getränks, das unter Umständen zuvor „beschallt“ wurde, um Klänge in sich aufzunehmen, sein. Durch das Spielen des Gongs und anderen Instrumenten wird der/die sich zur Einzelbehandlung begibt, von Klängen und Geräuschen umgeben. Der/die Besucher*in der Sound Pharmacy hat sich nun von seinem/ihrem sozialen Leben und Alltagsleben vollständig gelöst. Er/sie befindet sich in einem Zustand, in dem von ihm/ihr ein bestimmtes Verhalten erwartet wird. Die eigene Identität wird aufgelöst und durch das Geschehen ein Reflexionsprozess am eigenen Ich – bedingt durch die erlebten Erfahrungen – ausgelöst.

Mit ihren einzelnen Räumen erschafft die Sound Pharmacy eine virtuelle Welt für Besucher*innen, in der die Grenze zwischen Kunst und Ritual verschmelzen. Das – in diesem Fall freiwillige – Überschreiten von räumlichen Grenzen wird zu einem Übergangsritus im Sinne Van Genneps, bei dem der/die Besucher*in transformiert werden. Der Besuch der performativen Rauminstallation bietet ein weites Feld an Assoziationen. Die Vorstellung von Krankheitsbildern wird aufgelöst und ein Ort der Selbstreflexion in einem rituellen Umfeld geschaffen. Das Überschreiten von Grenzen in der Sound Pharmacy führt zu einer neuen Sichtweise:

„Die Grenzziehung als mentaler und performativer Akt öffnet die Ordnung auf das Außeralltägliche hin und führt damit die Unbegrenztheit, Formlosigkeit, Unbestimmtheit und Zufälligkeit der sozialen Welt vor Augen, während sei zugleich dem Außeralltäglichen eine eigene ‚agency’ ermöglicht.“(6)

Letztendlich schafft die Sound Pharmacy eine virtuelle und zugleich real begehbare Welt, die zum Erfahrungsraum wird. Dabei können Besucher*innen letztlich selbst entscheiden wie weit sie sich auf den Prozess der Transformation einlassen wollen. Die Bedeutung der einzelnen Gegenstände und Vorgänge bleibt offen. Die Deutung derer bleibt jedem persönlich überlassen.

(1) SelfSightSeeing Company, Sound Pharmacy, http://www.selfsightseeing.company/project/sound-pharmacy/, 01.11.2017.

(2) Vgl. Arnold van Gennep: Übergangsriten (Les rites de passages), Frankfurt/New York: Campus Verlag 1999, S. 21. 3 A. a. O., S. 27.

(3) A. a. O., S. 27.

(4) Arnold van Gennep: Übergangsriten (Les rites de passages), Frankfurt/New York: Campus Verlag 1999, S. 28.

(5) A. a. O., S. 29.

(6) Klaus-Peter Köpping/Ursula Rao: „Zwischenräume“, Ritualität und Grenze, hg. v. Erika Fischer-Lichte/Christian Horn/Matthias Warstatt, Tübingen und Basel: A.Francke 2003, S. 235-250, hier: S. 239.

 


Credits:

Categories: University Lecture, Art as Research, Performance

Date: 2017 / 18

Institution: University of Vienna, Institute of theater, film and media studies

Concept:  SelfSightSeeing Company, Brigitte Marschall

Guest Lecture: Natascha Muhic, Roy Culbertson III

Foto: SelfSightSeeing Company

 

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