BioActs / BioActivism

Körperflüssigkeiten, Körpersubstanzen bestimmen als Material und Fragmente des Organismus die Performance Kunst. Die Molekularbiologie und ihre biotechnologischen Methoden erweitern nunmehr das Spektrum, stellen neue Anforderungen an die Performancekünstler_innen und an das Publikum, das zu partizipierenden teilnehmenden (Gesellschafts-)Körpern wird. Arbeitssituationen und Versuchsaufbauten kommentieren das schöpferische Potential der Biowissenschaften, indem Künstler_innen Elemente der Wissenschaften in ihre Arbeiten integrieren. Biotechnologische Verfahrensweisen in den Künsten verschieben die inneren und äußeren Grenzen des Körpers, transformieren ihn zu biologisch funktionierenden Einheiten auf molekularer und zellulärer Ebene. Im ontologischen Körper wuchern Bakterien, Zellen und Pilze, die mittels technologischer Verfahren visualisiert und isoliert, als Körperfragmente zu Datenträgern und Speichermedien, schließlich zu Stellvertretern der Identität gemacht werden. Die Politik schlägt in verkürzter und manipulativer Weise Kapital aus den biogenetischen Analysen, verwendet z.B. den Sexualhormonspiegel von Männern um vor der Gefahr toxischer Männlichkeit von Immigranten zu warnen. Biopolitiken – so der von Foucault geprägte Begriff – üben in und über Regierungsformen mitunter auch Macht über Leben und Körper aus, die zu künstlich kontrollierten Objekten mutieren.

Artistic research gibt Einblick durch Diskussion und teilnehmende Beobachtung in Fragestellungen künstlerischer und politischer Implikationen im Kontext von Mikroperformativität, von biotechnologischen Live-Installationen an der Schnittstelle von Kunst, Biotechnologie und Politik. Durch die Kooperation mit der Künstlerin und Forscherin Lucie Strecker, die das FWF Forschungsprojekt ‚Zur Performativität des Biofakts’ leitet‚  in Kooperation mit der Art & Science Klasse der Angewandten Universität Wien, sowie Klaus Spiess, Leiter des Art&Science Programms der Medizinischen Universität Wien und der SelfSightSeeing Company, sollen Theorie und Praxis von Mikroperformativität und BioActs erforscht werden. Student_innen werden Gelegenheit haben an einem Symposium dieses Forschungsprojekts an der Angewandten und an begleitenden künstlerischen Laboren (Dezember 2018) teilzunehmen. Als Vorbereitung auf das Symposium Applied Microperformativity: Live Arts for a Radical Socio-Economic Turn werden historische Traditionslinien, das Bewusstsein für die Verbindung von Wissenschaft und Kunst, Tendenzen und eine Einführung in den Begriff der Mikroperformativität erfolgen. Darüber hinaus geben Itshe Petz und Io Tondolo einen performativen Einblick in ihr Projekt: „Testotoxic – Intervention into masculinity“ in welchem molekulare Grundlagen konstruierter männlicher Körperbilder thematisiert werden. Die Entwicklung eines Arsenals an Gesten, Posen und Bewegungssequenzen folgt dem Schema von Eigenem und Fremden, legt Kategorien der systemimmanenten Herrschafts- und Machtinstanzen frei. Künstlerische und wissenschaftliche Forschung legen die Mikroperformativität und ihre hybriden Spielformen gleichsam unter das Mikroskop, etablieren Wahrnehmungsweisen und spezifische Sichtweisen und damit Lebensweisen.

 

Text: Brigitte Marschall



Erfahrungsbericht:

Immaterial Labour of Household Pets (K. Juurak, A. Bailey)

(Symposium, 14.12.2018 – 1. Block – THE PHASE)

Juurak und Bailey, zwei Performance-KünstlerInnen, berichten den Gekommenen von ihrem Projekt „Performance for Pets“, genauer für Hunde und Katzen, welches sie seit 2014 in „Einzelvorstellungen“ abhalten. Sie steigen in ihre Präsentation mit Überlegungen zum menschengeschaffenen Wesen des „Pets“ ein und betonen, dass Tiere, ob im Zoo oder im Internet, oft als Unterhaltung, als Performer, für Menschen dienen. Ihre Idee hinter dem Projekt „Performance for Pets“ ist ein Rollentausch, bei welchem sie sich selbst den Pets als Unterhaltung anbieten. Dabei imitieren sie das jeweilige Tier und schaffen so einen tänzerischen Akt zwischen Theater und Performance. Was, laut Juurak und Bailey, für die Tiere am Anfang eventuell etwas seltsam wirkt, entwickelt sich im Verlauf zu einem facettenreichen „Aufeinander-Reagieren“. Dieses gestaltet sich in spielerischen Elementen, aber auch bewusster Ignoranz oder anderen Reaktionen. Mehr als die „Performance for Pets“ an sich, interessierte mich die Differenzierung von „work“ und „labour“, vor allem auch bezogen auf die historische Entwicklung von der Katze als hilfreiches Tier zum Beseitigen der lästigen Mäuse (work) und der Katze als zeitgenössisches Schmuseobjekt (immaterial labour). Bei Letzterem produzieren die Tiere nichts, sondern existieren einfach nur. Bei dieser Tätigkeit des immaterial labour handelt es sich um eine Aktivität, welche die Katze nicht frei aus sich heraus entscheidet, sie agiert als dieses menschengeschaffene Wesen, als süßes „Pet“, welches nicht länger seinen Instinkten folgt. Das Tier wird durch den Menschen zu dem gemacht, was es heutzutage ist. Für diese Arbeit erhält die Katze Verpflegung und Unterkunft – die Grundbedürfnisse werden gestillt. Zuvor handelte die Katze frei. Niemand konnte sie zwingen Mäuse zu fangen. Sie tat es wann ihr beliebte. Für dieses Werk schätzten die Menschen sie und kümmerten sich deshalb um ihr Wohlergehen. Hannah Arendt trifft eine Unterscheidung der beiden Begriffe „labour“ und „work“. Laut Arendt ist Arbeit, im Sinne des englischen Begriffs „labour“, eine extrinsisch motivierte Tätigkeit, wohingegen die Tätigkeit, im Sinne des englischen Begriffs „work“, eine intrinsisch motivierte ist (Vgl. Arendt, Hannah, „The human condition“, Chicago: University of Chicago Press, 2013, S. 80.). Für die Katze bedeutet dies, dass sie nicht länger ihren intrinsischen Motiven, die Mäuse zu fangen, weil es ihrer Natur entspricht, folgt, sondern extrinsischen Motiven, welche durch den Wunsch des Menschen ein Kuscheltier, einen Gesellen, eine Beschäftigung zu haben, definiert werden. Ebenfalls interessant finde ich den immateriellen Charakter der heutzutage durch die Katze vollzogenen Tätigkeit. Die beiden Performance- KünstlerInnen zitieren dazu zu Beginn ihres Vortrags den Soziologen Maurizio Lazzarato: „Immaterial workers satisfy a demand by the consumer and at the same time establish that demand.“. Durch meine weiterführenden Recherchen bin ich auf den Text „Immaterial Labour“ von Lazzarato gestoßen (http://www.generation-online.org/c/fcimmateriallabour3.htm). Hier erklärt er die Zusammenhänge, welche für mich nicht eindeutig aus dem Zitat oder der Präsentation ersichtlich wurden. Der Soziologe stellt fest, dass immaterielle Arbeit in erster Linie eine Beziehung produziert und ihr „Rohstoff“ demzufolge Subjektivität, aber auch das „ideologische“ Umfeld ist, in dem diese Subjektivität besteht, sich hier immer wieder reproduziert. Er schreibt in seinem Text: „Immaterial workers (those who work in advertising, fashion, marketing, television, cybernetics, and so forth) satisfy a demand by the consumer and at the same time establish that demand. The fact that immaterial labor produces subjectivity and economic value at the same time demonstrates how capitalist production has invaded our lives and has broken down all the oppositions among economy, power, and knowledge.“. Die immaterielle Arbeit der Katze besteht also darin ein Subjekt zu sein, welches durch den Menschen in eine Beziehung gedrängt wird. Als Subjekt produziert die Katze die Nachfrage an sich selbst und befriedigt sie durch sich selbst als Subjekt gleichzeitig. Spannend finde ich diese Gedanken auch hinsichtlich der nächsten Performance, die ich im Folgenden beschreibe und durchdenke. In dieser geht es ebenfalls um Arbeit und ihre Auswirkungen. Es geht wieder um Tiere, genauer genommen Bakterien.

Erfahrungsbericht:
On Labor (Paul Vanouse)

Paul Vanouse beginnt sein Projekt Labor vorzustellen, währenddessen zwei Frauen in Arbeiterkleidung im hinteren Bereich schwere Steine hin- und hertragen. In der Kunstinstallation, über welche er spricht, stellt er sich die Frage: „What does exploitation smell like?“. Diesen Geruch, welcher durch körperliche Anstrengung erzeugt, allerdings nicht durch den Menschen, sondern Bakterien verursacht wird, bringt Vanouse in eine Kunstgalerie. Besonders interessant finde ich den parallel verlaufenden Arbeitsprozess. Zum einen, die beiden Arbeiterinnen/Performerinnen und zum anderen die Bakterien auf ihrer Haut, die Arbeiten und so dem Schweiß den Geruch verleihen. Die Besucher sehen physische Arbeit, wie sie sich in Form von Schweißflecken auf den T-Shirts der Frauen niederschlägt. Dieser Schweiß wird in Zusammenarbeit mit den Hautbakterien produziert – Mensch und Bakterien arbeiten zusammen und produzieren etwas, was ihre gemeinsame Arbeit ausdrückt. Jedes Ergebnis ist ganz individuell, visualisiert sich künstlerisch auf den weißen Oberteilen.

Vanouse hat einen Prozess entwickelt, um die Schweißflecken auf dem Shirt sichtbar zu machen und ein bleibendes Kunstwerk mit Hilfe dieser herzustellen. Dabei werden die Shirts mit pulvriger Kohle in einen großen Plastiksack gegeben und gut durchgeschüttelt. Die schwarze Substanz färbt die nassen Flecken am weißen Oberteil. Nun werden die Kleidungsstücke herausgeholt und zwischen zwei große Papierseiten gepresst. Das Ergebnis ist ein schwarz-grauer Abdruck der gefärbten Stellen. Vanouse benutzt die Bezeichnung „fingerprints“, da die Abdrucke, wie ein Fingerabdruck, einzigartig sind und demnach nicht reproduziert werden können. Die Abdrücke der beiden Arbeiterinnen/Performerinnen sind komplett unterschiedlich. Ist der eine Abdruck eher brustbetont, so schwitzte die andere vor allem unter den Achseln und am Rücken. Der Künstler macht in der Performance Labor den Schweiß, welcher für die stressgeladene Situation, die harte Arbeit steht, sichtbar.

Spannend vor allem hinsichtlich der Zukunft, in welcher solche Tätigkeiten eventuell automatisiert sein werden oder schon bereits sind. Ich frage mich, ob der futuristische Schweiß anders riechen wird, weil andere Hautbakterien beteiligt sind, ob man den Schweiß, welcher durch eher körperliche Arbeit produziert wurde, von dem unterscheiden kann, der eher durch Angst oder anderen mentalen Stress verursacht wurde. Es würde eine andere Symbiose stattfinden. Ich frage mich, ob dieser Geruch auch künstlich hergestellt werden kann, also ohne das Zutun von Menschen als Wirt, dem Motor, dem Flüssigkeiten-Aussender? Jetzt möchte ich noch einmal auf Hannah Arendt und ihre Differenzierung von „work“ und „labour“ zurückkommen. Gestaltet sich die Arbeit für die Frauen als „labour“ und für die Bakterien demzufolge als „work“? Die Frauen stehen hier symbolisch für die Arbeiterklasse, Tätigkeiten, welche vor allem vollzogen werden, um Geld zu verdienen. Ich möchte nicht persé unterstellen, dass keine intrinsische Motivation vorliegt und es nicht genügend Menschen gibt, die lieber körperliche Arbeit vollziehen. Trotzdem findet diese körperliche Arbeit, das damit verbundene geringe Ansehen in der Gesellschaft und die demzufolge schlechte Bezahlung, meist in einem Ausmaß statt, welches sich die wenigsten so wählen würden. Ich unterstelle deshalb den Frauen „labour“ zu vollziehen. Was ist mit den Bakterien? Sie hingegen kennen kein anderes Handeln, folgen ihren Instinkten. Es ist schwierig Tieren irgendetwas zu unterstellen vermutlich lassen sich die Begriffe Arendts nur auf vernunftbegabte Wesen, welche durch verschiedene Motivationen gelingt werden, anwenden. Trotzdem würde ich Tieren eher „work“, also intrinsische Motive zusprechen. In einem weiteren Gedankengang frage ich mich, was für die Bakterien der Geruch ist, welcher durch sie produziert wird. Ein Abfallprodukt? Eine Ausdrucksform? Ein Kommunikationsmittel= Was hingegen ist Schweiß für Mensch? Im physischen, nützlichen Sinn eine Form die Haut zu befeuchten, zu kühlen und so zu schützen. Wofür steht der Schweiß aber darüber hinaus? Was kommuniziert Schweiß? Vielleicht das Symbol der schweren Arbeit, der Leistung, womöglich in einer früheren Zeit auch verbunden mit Erfolg? Wie hat sich dieses Bild mit der Zeit und der Entwicklung von der Industrialisierung zum Zeitalter der Information, dem erfolgreichen Menschen vor dem Computer, geändert? Schweiß gilt heutzutage hauptsächlich als Abstoßend, als etwas, was mit Deodorants übertüncht und zum versiegen gebracht werden muss. Darüber hinaus ist Schweiß ein physischer Ausdruck von Emotionen, kann als solcher für Angst, Stress oder Erregung stehen. Nicht zuletzt ist Schweiß auch ein Geruchsmittel, welches manche Menschen voneinander abstößt und andere zusammenführt, jemanden kann man riechen und jemand nicht.

Was sagt der Geruch des Schweißes über unsere Gesundheit usw. aus? Welche Bakterienzusammensetzung ist gut und wieso nehmen wir diese als eventuell angenehmer wahr, als die übel riechende, eventuell keimbehaftete? Ein übler Geruch lässt uns Aufhorchen, dass irgendetwas im Inneren nicht stimmen kann?

Nicht zuletzt frage ich mich in diesem Ganzen Zusammenspiel von Bakterium und Mensch, wo Grenzen gezogen werden können? Was menschlich ist, was einen Menschen ausmacht? Zuletzt reflektiere ich über eine umfangreiche Performance, einen ganzen Versuchsabend, welchen ich als sehr vielseitig und inspirierend wahrgenommen habe und deshalb auch eine längere und detailliertere Reflexion widmen möchte.

Erfahrungsbericht:
TESTOTOXIC – Intervention into Masculinity (Symposium, 18.12.2018)

Durch den Hintereingang des AILs betritt der Besucher von TESTOTOXIC – Intervention into Masculinity den Versuchs-Abend. Zwei Mitwirkende in weißen Labor-Kitteln begrüßen freundlich am Eingang, weisen auf die Garderobe hin und verabreichen Globuli mit dem Stoff Oxytocin. Dieses wirkt unter anderem als Hormon, hat eine stressregulierende Funktion als Neurotransmitter und löst Wehen bei der Geburt eines Kindes aus. In diesem Moment frage ich mich mehr denn je, was uns an diesem Abend erwartet. Eine große Lampe (THE LIGHT) thront am Eingang und versorgt die Hereinkommenden mit Vitamin D. Darunter ist es warm und hell. Die Veranstaltung beginnt mit einem wohligen Gefühl, nachdem man die düstere Kälte Wiens hinter sich gelassen hat. Das Labor (THE LAB) schließt an das Buffet an und besteht aus einer Anzahl an verschiedenen Elementen. Es können Seren in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen verkostet werden, die vor Testosteron strotzen sollen und von automatisierten Penissen gerührt werden. Sie erinnern mich an männliches Ejakulat, welches durch eine gewisse Ernährungsweise im Geschmack beeinflusst werden kann. Die Ejakulation, mit welcher Potenz und somit ein stereotypes Bild von purer Männlichkeit assoziiert werden kann, verdeutlicht sich hier für mich. Gelee Royal-Kapseln stehen ebenfalls zum freien Verzehr. Ich kenne diese als den wertvollsten Teil des Honigs und als immunstärkenden Stoff. Eine Person, durch ein Baumkostüm unkenntlich gemacht, steht auf einem Podest mit einem Mikrophon. Laut Programmheft ist dieses der afrikanische Baum Yohimbe, welcher immer grünt und als ein natürliches Potenzmittel gilt. Direkt nebendran hängt ein TV- Bildschirm, welcher einen Shopping-Kanal abspielt. Auf diesem spricht eine Frau namens Cassandra Cash (Influencerin), umgeben von Produkten und einer Fülle von sehr grellen Farben. Sie preist Produkte an, die ich nicht kenne. Ihre Stimme ist grell und mein Sehen durch die Überladung des Videos gereizt. Shopping-Kanäle sind relativ obsolet, die Verbindung mit dem Begriff Influencer, so wie es auf YouTube heute Unmengen gibt, wirkt dem entgegen. Als das Herzstück oder die Basis der Performance entpuppt sich ein durchsichtiges, halbrundes Zelt (THE DOME), von dem ausgehend die beiden Performer Itshe & Io die fünf Zyklen starten. Beide sitzen sich gegenüber, ziehen sich dann komplett aus. Bekleiden sich mit ihrem ersten Kostüm. Das vollkommene Entkleiden wirkt wie das bewusste Ablegen ihrer eigentlichen Identität und das Hineintauchen in eine Neue. In diesem Zusammenhang empfinde ich das Zelt als eine Fruchtblase, die immer wieder neue „Persönlichkeiten“, neue Stereotypen von Männlichkeit, hinauswirft. Insgesamt sind es fünf Zyklen, die in der Performance durchlaufen werden. Sie sind über den ganzen Abend verteilt und bespielen die großzügigen Räumlichkeiten des AILs. Das Bewegen ist sehr dynamisch, die Besucher werden teilweise eingebunden und können frei entscheiden zu welchem Zeitpunkt sie teilnehmen oder sich anderen Elementen des Versuchs-Abends widmen. Das erste Kostüm, welches sich Johannes und Bastian anziehen, ist ein Ganzkörperanzug aus Gras. Es wirkt wie ein Tarnkostüm der Armee und auch ihr Griechen über den Fußboden und den Nebel, den sie durch eine Maschine ausstoßen, weckt Assoziationen an eine Kriegssituation. Das Bild des männlichen Soldaten, der ohne Furcht für sein Vaterland kämpft, vor allem Früher nicht von weiblichen Mitstreiterinnen umgeben war. Ein weiteres Kostüm erinnert an das Männerbild eines fast nackten und gut bestückten Ureinwohners. Die Penisse blasen sich Bastian und Johannes, in einem äußerst erotisch wirkenden Akt, gegenseitig auf. Sie kämpfen in primitiver Weise mit ihren Gliedern gegeneinander, inszenieren dann einen sexuellen Akt zwischen zwei Männern. Dieser scheinbare Widerspruch von einem homoerotischen Lust- und Liebesspiel und auf der anderen Seite dem primitiven Schwanzvergleich und Kräftemessen, erinnert mich an das Bild eines homophoben Mannes, der insgeheim von Geschlechtsverkehr mit einem anderen Mann träumt, diesen Wünschen aufgrund innerer oder/und äußerer Determinanten nicht nachgehen kann und deshalb seine sexuelle Ausrichtung in einer übertriebenen Ablehnung, sprich Homophobie, vor der Welt und sich selbst verbergen mag. In einer weiteren Episode mimen die Performer zwei Sumos. Das letzte Kostüm deutet auf Hirsche hin, die Pelzmäntel, Strumpfhosen und Absatzschuhe und auf dem Kopf mickrige Geweihe tragen. Auch hier sehe ich ein bestimmtes Männerbild, welches aber auch wieder feminine bzw. weiblich-assoziierte Züge zulässt. Die Hirsche stolzieren durch die Räumlichkeiten oder stellen sich in Kampfhaltung einander gegenüber. Alle Zyklen werden von passenden TV-Einspielungen im Bereich des Labors begleitet, welche der Atmosphäre dienen. Das Spiel mit männlichen Stereotypen und weiblich-assoziierten Elementen ist für mich die stärkste Dominante der Performance. Im Untergeschoss gibt es noch eine Installation mit mehreren Penissen, die sich aufstellen und wieder niedersinken. Diese Aktivität erinnert an die Erektion und das Erschlaffen eines männlichen Gliedes. Der Vorgang wirkt mechanisch und blitzartig. Hier assoziiere ich auch den psychischen Druck, welchen ein Mann teilweise verspüren muss in Bezug auf seine Fähigkeit zur Erektion. Das weitverbreitete „immer können müssen, immer funktionieren“. Ein weiteres Element ist der DARKROOM, in welchem ein DJ wilde Clubmusik spielt und die Besucher zur körperlichen Ekstase einlädt. Über ihm steht der Schriftzug Testo. Der Darkroom erinnert mich an das Berghain, welches früher vor allem ein Club für Homosexuelle war und einen berüchtigten Darkroom hat, in welchem es sexuell wild hergeht. An diesem Abend im AIL konnte zumindest auch im Schutz der Dunkelheit getanzt oder in einem Pool mit Bällen gelegen und dem Treiben zugeschaut werden.

Die Veranstaltung führt mit allen Sinnen durch verschiedene Ansätze zu dem Thema Testosteron und zeigt sich vielgestaltig und kreativ. Die „MitarbeiterInnen“ sind in weiße Kittel gekleidet und vermitteln dadurch einen sehr professionellen Eindruck und die Idee des Experimentierens. Spannend fand ich die Erwähnung, dass auch Frauen Testosteron besitzen. Normalerweise wird ein hoher Gehalt dieses Hormons lediglich der Stereotype eines kräftigen, potenten Mannes unterstellt.

 

Text: Tine Engler

 


Credits:

Categories: University Lecture, Art as Research

Date: 2018 / 19

Institution: University of Vienna, Institute of theater, film and media studies, University of applied art vienna, Medical University Vienna

Concept: Brigitte Marschall, Lucie Strecker, SelfSightSeeing Company

Guest Lecture: Lucie Strecker

More Information: applied microperformativity

 

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